Gedenkkundgebung zur Pogromsnacht am 9. November 1938

In der Nacht des 09. Novembers 1938 wurden in ganz Deutschland Synagogen, Gebetsräume und jüdische Friedhöfe angegriffen, angezündet und zerstört, jüdische Geschäfte geplündert, die Inhaber:innen verprügelt oder getötet. Mehrere hundert Menschen starben in dieser Nacht, mehr als 30.000 wurden gefangen genommen, die Meisten von ihnen wurde anschließend deportiert.

Aus diesem Anlass versammelten sich um 18 Uhr einige Antifaschist:innen zu einer Kundgebung auf dem Latschariplatz in Villingen. Wir als OAT zeigten in einem ersten Redebeitrag und mit zwei Aufstellern auf, dass die Pogrome nicht vom Himmel gefallen sind.

Mit der Pogromnacht einher ging auch eine Enteignung der jüdischen Bevölkerung und die Arisierung ihres Vermögens. Sehr große Teile des deutschen Kapitals profitierten kräftig, sie nahmen die Pogromnacht dafür billigend in Kauf.

Gegen 18:30 Uhr zogen wir gemeinsam in die Gerberstraße vor den damaligen Betsaal.

Vor dem Brunnen des ehemaligen Gebetraums wurde die Pogromnacht 1938 in einer zweiten Rede des Offenen Antifaschistischen Treffen Schwenningen politisch etwas eingeordnet.

Im Anschluss folgte noch eine Rede von den Omas gegen Rechts mit Bezug auf die Geschichte in Villingen-Schwenningen und der Familie Schwarz, den Inhabern des Gebetssaals.

In einem abgespielten Redebeitrag von Esther Bejarano sprach die mittlerweile verstorbene Antifaschistin davon, wie wichtig es ist nicht zu vergessen und nicht zu verzeihen, was geschehen ist. Sie erinnerte unter anderem an ein Zitat von Berthold Brecht „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“.

Für uns als Antifaschist:innen bedeutet das, sich für eine bessere Gesellschaftsordnung einzusetzen, in der Rassismus, Sexismus und Antisemitismus keinen Platz haben.

Hier ist die Rede, die wir in der Gerberstraße gehalten haben

Wir sind heute hier um an die Pogromnacht zu erinnern. Am Abend des 9. November 1938 stürmten gut organisierte SA- und SS-Truppen hunderte Synagogen, Geschäfte und Wohnungen jüdischer Menschen. Der braune Mob verwüstete und brandschatzte. Tausende wurden von SA, SS und Gestapo verhaftet, über 100 Menschen wurden bei diesen Pogromen ermordet.
Der Terror gegen die jüdische Bevölkerung, der mit der Machtübertragung an die Faschisten 1933 begonnen hatte, fand damit einen ersten Höhepunkt: Jüd:innen wurden ihres Besitzes beraubt, zur Auswanderung gezwungen, in den Selbstmord getrieben, in Konzentrationslager verschleppt und letztendlich in den Gaskammern ermordet.
So auch in Villingen: SA, SS und “Otto Normalbürger“ stürmten die jüdischen Gebetsräume in der Gerberstr. 33 und setzten das Haus in Brand. Zwischen 1933 und 1940 konnten 42 der 75 in Villingen lebenden Jüd:innen fliehen, ihr Besitz und hab und Gut wurde ihnen durch Repression und Boykott genommen.


Der heutige Jahrestag der Pogromnacht ist für uns Anlass, den Opfern des deutschen Faschismus zu gedenken.

6 Millionen Jüd:innen fielen der Shoa zum Opfer, schätzungsweise mehr als 250.000 Sinti und Roma in Europa wurden im Zuge des Rassenwahns der deutschen Faschisten gedemütigt und ab 1940 in den Konzentrationslagern interniert und umgebracht.
Der deutsche Faschismus entfachte den 2. Weltkrieg. Im Interesse des deutschen Kapitals führte die Wehrmacht einen rücksichtslosen Eroberungs- und Vernichtungsfeldzug. Schätzungsweise 80 Millionen Menschen bezahlten dafür mit ihrem Leben, davon alleine 27 Millionen Sowjetbürger:innen. Europa lag in Trümmern.

Wir sagen: Erinnern heißt verändern.

Es waren die Inhaftierten des KZ Buchenwaldes, Kommunist:innen, Sozialdemokrat:innen, Antifaschist:innen, welche sich nach der Befreiung im Fühling 1945 auf dem Appelplatz des KZ versammelten und schworen “Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel. Das sind wir unseren gemordeten Kameraden, ihren Angehörigen schuldig”. Der Schwur ist kein Relikt der Vergangenheit, er ist noch immer aktuell. Erinnern heißt verändern – für uns bedeutet das nicht eher zu ruhen als das der Schwur eingelöst wird. Wie die Antifaschist:innen, die sich gegen die Nazis, Hitler, den geplanten Krieg und die Judenverfolgung stellten, kämpfen wir heute für eine bessere Gesellschaftsordnung, denn der Kapitalismus trägt den Krieg und den Faschismus in sich, wie die Wolke den Regen.

Derzeit schlittern wir in die schärfste Krise des Kapitalismus seit Jahrzehnten. Händeringend suchen die Großkonzerne nach Möglichkeiten ihre Profite wieder gewinnbringend investieren zu können. Die Regierung legt “Rettungsprogramme” auf, die schlussendlich nichts anderes als Geschenke für die Wirtschaft sind. Finanziert werden diese aus unseren Steuergeldern. Im selben Atemzug werden Soziallleistungen zusammengkürzt oder eingefroren. Was passiert ist eine Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums von unten nach oben – die lohnabhängige Bevölkerung soll den Gürtel enger schnallen.

Wir dürfen nicht die Augen verschließen vor dem neuen Selbstbewusstsein Deutschlands. Deutschland müsse wieder Verantwortung übernehmen in der Welt, tönt es offensiv aus der Grün-Rot-Gelben Regierung. Es wird seit einiger Zeit wieder massiv aufgerüstet in diesem Land. Die Pläne dazu sind nicht erst mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine entstanden. Bereits 2014 stimmte der damalige Bundespräsident Gauck darauf ein. Doch ein Deutschland, das behauptet Verantwortung zu übernehmen und sich als Großmacht sieht, hat vor nicht einmal hundert Jahren Europa in Schutt und Asche gelegt. Wir dürfen uns von diesem Gerede nicht blenden lassen!

Auch Antisemitismus und Hetze gegen Alle, die als fremd gebrandmarkt werden, ist nicht verschwunden. Da ist ein tiefbrauner Bodensatz in diesem Land vorhanden, der sich durch staatliche Behörden bis weit in den Sichheitsappart zieht.

Es sind reaktionäre Hardliner und offene Faschisten, die sich derzeit in Stellung bringen und in der Verunsicherung und Zukunfstangst breiter Teile der Bevölkerung ihre Chance wittern. Sie haben nichts zu bieten, außer Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und den Hass gegen alles Linke. Ausgrenzung, Abwertung und Volksgemeinschaft lösen keine Krise und sorgen nicht für eine sichere Zukunft. Wer den Rechten hinterläuft und ihnen glauben mag, der wird dies unter Umständen bemerken, wenn es wieder zu spät ist.

Wir stellen uns dem Entgegen. Wir sagen: lassen wir uns nicht spalten. Lassen wir das praktisch werden, was Antifaschist:innen im Jahr 1945 auf dem Appellplatz von Buchenwald geschworen haben: Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.